“Ossis” als eth­ni­sche Min­der­heit

Ossis sind keine eth­ni­sche Min­der­heit und ge­nies­sen damit auch kei­nen An­ti­dis­kri­mi­nie­rungs-Schutz.

Die­ses Ur­teil des Ar­beits­ge­richts Stutt­gart in einem Fall, in dem eine Be­wer­be­rin ihre Mappe mit dem Ver­merk “(-) Ossi” zu­rück er­hielt, ging vor zwei Wo­chen durch die Nach­rich­ten. Nun­mehr liegt nicht nur die Nach­richt vor, dass gegen die­ses Ur­teil Be­ru­fung zum Lan­des­ar­beits­ge­richt Ba­den-Würt­tem­berg ein­ge­legt wurde, son­dern auch die schrift­li­che Be­grün­dung des Ur­teils des Ar­beits­ge­richts Stutt­gart.

Nach § 1 AGG soll eine Be­nach­tei­li­gung u.a. „aus Grün­den der Rasse oder wegen der eth­ni­schen Her­kunft“ ver­hin­dert oder be­sei­tigt wer­den. Über diese Vor­aus­set­zung wie auch deren Ent­schä­di­gungs­fol­ge gemäß § 15 Abs. 2 AGG strei­ten die Par­tei­en, wobei der Tat­be­stand davon ge­prägt ist, dass der der Klä­ge­rin zu­rück­ge­reich­te Le­bens­lauf die Ver­mer­ke „(-) Ossi“ und an 2 Stel­len „DDR“, auf­ge­bracht von einer Mit­ar­bei­te­rin der Be­klag­ten, ent­hält.

Mit der Li­te­ra­tur ist grund­sätz­lich davon aus­zu­ge­hen, dass der Be­griff eth­ni­sche Her­kunft weit aus­zu­le­gen ist. Bei der Aus­le­gung kann der Be­griff von der Dis­kus­si­on um die Men­schen­rech­te nach 1945 nicht los­ge­löst wer­den. Diese Dis­kus­si­on mag für eine groß­zü­gi­ge In­ter­pre­ta­ti­on des Be­grif­fes dien­lich sein. Sie ist ge­prägt u.a. durch Art. 1 und Art. 55 der Char­ta der Ver­ein­ten Na­tio­nen vom 26.06.1945, wo­nach „Pro­ble­me wirt­schaft­li­cher, so­zia­ler, kul­tu­rel­ler und hu­ma­ni­tä­rer Art unter Ach­tung vor den Men­schen­rech­ten … ohne Un­ter­schied der Rasse, des Ge­schlechts, der Spra­che oder der Re­li­gi­on“ ge­löst wer­den sol­len. Die all­ge­mei­ne Er­klä­rung der Men­schen­rech­te vom 10.12.1948 schließt „ir­gend­ei­ne Un­ter­schei­dung wie etwa nach Rasse, Farbe, Ge­schlecht, Spra­che, Re­li­gi­on, po­li­ti­scher oder sons­ti­ger Über­zeu­gung, na­tio­na­ler oder so­zia­ler Her­kunft, nach Ei­gen­tum, Ge­burt oder sons­ti­gen Um­stän­den“ aus. In ähn­li­chem Sinne re­gelt Art. 14 EMRK den Aus­schluss un­ter­schied­li­cher Be­hand­lung wegen u.a. „… der na­tio­na­len oder so­zia­len Her­kunft, Zu­ge­hö­rig­keit zu einer na­tio­na­len Min­der­heit, des Ver­mö­gens, der Ge­burt oder des sons­ti­gen Sta­tus …“. Erst­mals in der Char­ta der Grund­rech­te der Eu­ro­päi­schen Union vom 07.12.2000 und so­dann im Ver­trag zur Grün­dung der Eu­ro­päi­schen Ge­mein­schaft in sei­ner Fas­sung vom 16.04.2003 wer­den Be­nach­tei­li­gun­gen „aus Grün­den der eth­ni­schen Her­kunft“ ta­bui­siert.

Aus die­sem völ­ker­recht­li­chen Kon­text wird deut­lich, dass der Be­griff der eth­ni­schen Her­kunft auf der ma­ni­fes­tier­ba­ren Un­ter­schied­lich­keit der Men­schen grün­det. Daher be­darf die­ser Be­griff einer wei­te­ren Er­hel­lung.

Wenn die­ser Be­griff auf das grie­chi­sche Wort „eth­nos“ ba­siert und des­sen Über­tra­gung in die deut­sche Spra­che „Volk“ oder „Volks­zu­ge­hö­rig­keit“ be­deu­tet, wird deut­lich, dass die eth­ni­sche Her­kunft im Sinne von § 1 AGG mehr als nur die Her­kunft aus einem Ort, einem Land­strich, einem Land oder einem ge­mein­sa­men Ter­ri­to­ri­um be­inhal­tet. Der Be­griff der Eth­nie kann nur mit Sinn er­füllt wer­den, wenn er die ge­mein­sa­me Ge­schich­te und Kul­tur, die Ver­bin­dung zu einem be­stimm­ten Ter­ri­to­ri­um und ein Ge­fühl der so­li­da­ri­schen Ge­mein­sam­keit für eine be­stimm­ba­re Po­pu­la­ti­on von Men­schen dar­stell­bar macht. Dazu mögen eine ge­mein­sa­me Spra­che, tra­di­ier­te Ge­wohn­hei­ten und Ähn­li­ches ge­hö­ren.

Die dem Rechts­streit zu­grun­de lie­gen­de Be­zeich­nung „Ossi“ mag dem Ele­ment eines „Ter­ri­to­ri­ums“ im Be­griff der Eth­nie ent­spre­chen (die ehe­ma­li­ge DDR/die Neuen Bun­des­län­der). Eine ge­mein­sa­me Spra­che prägt ihn je­doch nicht, da in den ost­deut­schen Län­dern Dia­lek­te von säch­sisch bis platt­deutsch ge­spro­chen wer­den, wobei un­ter­schied­li­che Dia­lek­te oh­ne­hin nicht einer ge­mein­sa­men Spra­che ent­ge­gen­ste­hen. Auch die Ge­schich­te der nach 1989 ent­stan­de­nen Be­zeich­nung „Ossi“ ist viel zu jung, um seit­her eine ab­grenz­ba­re Po­pu­la­ti­on be­schrei­ben zu kön­nen. Dass die da­ma­li­ge DDR und die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land ge­sell­schafts­po­li­tisch un­ter­schied­li­che Ent­wick­lun­gen bis 1989 auf­zei­gen, lässt die (ehe­ma­li­gen) Bür­ger der bei­den staat­li­chen Räume nicht als ab­grenz­ba­re Eth­ni­en von je­weils ei­ge­ner Art be­schrei­ben, denn die ge­mein­sa­me Ge­schich­te seit Ab­schaf­fung der Klein­staa­te­rei, die ge­mein­sa­me Kul­tur der letz­ten 250 Jahre, die von Dia­lekt­un­ter­schie­den ab­ge­se­he­ne ge­mein­sa­me Spra­che ma­chen deut­lich, dass im 21. Jahr­hun­dert re­gio­na­le Un­ter­schei­dungs­mög­lich­kei­ten weder Schwa­ben noch Bay­ern noch „Wes­sis“ noch in Ost­deutsch­land Ge­bo­re­ne zu je­weils von­ein­an­der ab­grenz­ba­ren Eth­ni­en wer­den las­sen.

§ 75 Be­trVG steht nicht in Wi­der­spruch zu § 1 AGG: Zwar ge­bie­tet der an Ar­beit­ge­ber und Be­triebs­rat ge­rich­te­te Auf­trag, jede Be­nach­tei­li­gung von Ar­beit­neh­mern u.a. wegen ihrer eth­ni­schen Her­kunft oder „ihrer Ab­stam­mung oder sons­ti­gen Her­kunft“ zu un­ter­las­sen. Die­ses wei­ter­ge­hen­de Be­nach­tei­li­gungs­ver­bot, das keine in­di­vi­dual­recht­li­chen Scha­den­er­satz- oder Ent­schä­di­gungs­an­sprü­che nor­miert, hat auf der Ebene des Be­trie­bes an­de­re Auf­ga­ben, als das sank­ti­ons­be­wehr­te Dis­kri­mi­nie­rungs­ver­bot des § 1 AGG. Auf Be­triebs­ebe­ne soll dafür ge­sorgt wer­den, dass lands­mann­schaft­li­che Dif­fe­ren­zie­run­gen aus­ge­schlos­sen sind.

Die Be­zeich­nung „Ossi“ kann (was die Be­klag­te in Ab­re­de stellt) dis­kri­mi­nie­rend, weil mit einem Wert­ur­teil be­legt, ge­meint, sie kann dis­kri­mi­nie­rend (so der Vor­trag der Klä­ge­rin) zu ver­ste­hen sein. Da nach § 1 AGG in­des­sen nicht jede denk­ba­re Be­nach­tei­li­gung be­sei­tigt oder ver­hin­dert wer­den soll und vor allem da die Be­zeich­nung nicht dem Tat­be­stands­merk­mal „eth­ni­sche Her­kunft“ zu­ge­ord­net wer­den kann, er­weist sich die auf § 15 Abs. 2 AGG ge­stütz­te Klage als un­be­grün­det, so das Ar­beits­ge­richt Stutt­gart.

Ar­beits­ge­richt Stutt­gart, Ur­teil vom 5. April 2010 – 17 Ca 8907/09

Quelle: rechtslupe.de; Mitteilung vom 30.04.2010

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