Kurzarbeit im Baugewerbe und das Schlechtwettergeld

§ 4 Nr. 6.1 Satz 2 des Bun­des­rah­men­ta­rif­ver­trags für das Bau­ge­wer­be ver­pflich­tet den Ar­beit­ge­ber zur Zah­lung des Sai­son-​Kurz­ar­bei­ter­gelds in der ge­setz­li­chen Höhe un­ab­hän­gig davon, ob die per­sön­li­chen Be­wil­li­gungs­vor­aus­set­zun­gen für das Kurz­ar­bei­ter­geld gemäß §§ 169, 172 SGB III er­füllt sind.

Bei einer ge­gen­über dem Ar­beit­neh­mer recht­mä­ßig und wirk­sam an­ge­ord­ne­ten Kurz­ar­beit ent­fällt die Ar­beits­pflicht des Ar­beit­neh­mers ganz oder teil­wei­se. An­nah­me­ver­zug tritt in­so­weit nicht ein. Der Ar­beit­ge­ber trägt auch nicht mehr das volle Ri­si­ko des Ar­beits­aus­falls iSv. § 615 Satz 3 BGB. Der Ar­beit­neh­mer be­hält den Lohn­an­spruch in Höhe des Kurz­ar­bei­ter­gelds. Die Ver­gü­tungs­pflicht des Ar­beit­ge­bers ent­fällt also nicht voll­stän­dig. Das ist ins­be­son­de­re von Be­deu­tung, wenn ein An­spruch auf Kurz­ar­bei­ter­geld nicht be­steht.

Fin­det auf das Ar­beits­ver­hält­nis der all­ge­mein­ver­bind­li­che BRTV Bau nach sei­nem in § 1 ge­re­gel­ten Gel­tungs­be­reich An­wen­dung, wird diese Rechts­la­ge durch § 4 Nr. 6.1 BRTV Bau mo­di­fi­ziert: Wird die Ar­beits­leis­tung ent­we­der aus zwin­gen­den Wit­te­rungs­grün­den oder in der ge­setz­li­chen Schlecht­wet­ter­zeit aus wirt­schaft­li­chen Grün­den un­mög­lich, ent­fällt der Lohn­an­spruch. So­weit der Lohn­aus­fall in der ge­setz­li­chen Schlecht­wet­ter­zeit nicht durch Auf­lö­sung von Ar­beits­zeit­gut­ha­ben aus­ge­gli­chen wer­den kann, ist der Ar­beit­ge­ber ver­pflich­tet, mit der nächs­ten Lohn­ab­rech­nung das Sai­son-​Kurz­ar­bei­ter­geld in der ge­setz­li­chen Höhe zu zah­len. Der Lohn­aus­fall für ge­setz­li­che Wo­chen­fei­er­ta­ge ist in vol­ler Höhe zu ver­gü­ten, wenn die Ar­beit an die­sen Tagen aus zwin­gen­den Wit­te­rungs­grün­den oder in der ge­setz­li­chen Schlecht­wet­ter­zeit aus wirt­schaft­li­chen Grün­den aus­ge­fal­len wäre. Damit ist § 615 Satz 3 BGB teil­wei­se ab­be­dun­gen und die Ver­gü­tungs­re­ge­lung in­so­weit auf eine völ­lig neue Grund­la­ge ge­stellt. § 4 Nr. 6.1 Satz 1 BRTV Bau be­stimmt, dass der Lohn­an­spruch ent­fällt. Das führt aber nicht zu einem er­satz­lo­sen Weg­fall des An­spruchs. Viel­mehr ent­hal­ten die Sätze 2 und 3 Aus­gleichs­re­ge­lun­gen. Der Lohn­aus­fall für ge­setz­li­che Wo­chen­fei­er­ta­ge ist in vol­ler Höhe “zu ver­gü­ten”.

Damit kommt es auf die Frage an, ob § 4 Nr. 6.1 Satz 2 BRTV Bau eine ei­gen­stän­di­ge Zah­lungs­ver­pflich­tung des Ar­beit­ge­bers be­grün­det oder ob der Ar­beit­ge­ber nur zur Aus­zah­lung des Be­trags ver­pflich­tet sein soll, den die Bun­des­agen­tur nach den so­zi­al­recht­li­chen Be­stim­mun­gen in ge­setz­li­cher Höhe leis­tet. Nach Auf­fas­sung des Se­nats be­steht eine ei­gen­stän­di­ge Zah­lungs­pflicht un­ab­hän­gig vom Vor­lie­gen der per­sön­li­chen Be­wil­li­gungs­vor­aus­set­zun­gen gem. §§ 169, 172 SGB III.

Der Wort­laut, der Ar­beit­ge­ber müsse „das Sai­son-​Kurz­ar­bei­ter­geld zah­len“, ist nicht ein­deu­tig. Die Be­zug­nah­me auf das Sai­son-​Kurz­ar­bei­ter­geld des § 175 SGB III kann nicht be­deu­ten, dass der Ar­beit­ge­ber eine ge­setz­lich ge­re­gel­te So­zi­al­leis­tung zu er­brin­gen hat. Der Ar­beit­ge­ber kann nur ent­we­der diese Leis­tung für die Agen­tur für Ar­beit iSv. § 320 Abs. 1 Satz 2 SGB III an die be­rech­tig­ten Ar­beit­neh­mer “aus­zah­len” (auch vor­schuss­wei­se) oder eine ei­ge­ne Ver­gü­tungs­leis­tung in Höhe des ge­setz­li­chen Sai­son-​Kurz­ar­bei­ter­gelds er­brin­gen. Die Ta­rif­norm be­grün­det in jedem Falle eine Vor­schuss­pflicht des Ar­beit­ge­bers (”mit der nächs­ten Lohn­ab­rech­nung”). Der Wort­laut schafft aber keine Klar­heit dar­über, ob der Ar­beit­ge­ber das Sai­son-​Kurz­ar­bei­ter­geld zwar un­ab­hän­gig von einer be­reits er­folg­ten Leis­tung der Ar­beits­agen­tur, aber al­lein nach Maß­ga­be der, ggf. spä­te­ren, Leis­tung der Ar­beits­agen­tur an die Ar­beit­neh­mer zu zah­len hat.

Gegen eine bloß de­kla­ra­to­ri­sche Re­ge­lung in dem be­zeich­ne­ten Sinne spricht, dass der Ta­rif­ver­trag aus­drück­lich eine Zah­lungs­pflicht, nicht nur eine Pflicht zur Aus­zah­lung be­grün­det. Die Ta­rif­ver­trags­par­tei­en sind of­fen­bar über­ein­stim­mend davon aus­ge­gan­gen, dass das Un­ter­blei­ben der An­zei­ge des Ar­beits­aus­falls an die Agen­tur für Ar­beit (§ 175 Abs. 1 Nr. 4 iVm. § 173 SGB III) der Zah­lungs­pflicht des Ar­beit­ge­bers nicht ent­ge­gen­ste­hen soll. Der Ar­beit­ge­ber fun­giert nicht le­dig­lich als Zahl­stel­le. Viel­mehr kann er sich ge­gen­über einem Zah­lungs­an­spruch nicht dar­auf be­ru­fen, eine An­zei­ge sei nicht er­stat­tet wor­den. Wenn die Agen­tur für Ar­beit ohne An­zei­ge nicht leis­tet, der Ar­beit­ge­ber aber gleich­wohl zah­len muss, geht es nicht in jedem Falle le­dig­lich um einen Voll­zug der Rechts­fol­gen aus § 175 SGB III.

Die selb­stän­di­ge Ver­pflich­tung zur Zah­lung spricht auch für eine end­gül­ti­ge Zah­lungs­pflicht. Der Ar­beit­ge­ber hat in jedem Falle das Kurz­ar­bei­ter­geld “in der ge­setz­li­chen Höhe” zu er­rech­nen und zu zah­len. Auf die An­spruchs­vor­aus­set­zun­gen für jeden ein­zel­nen Ar­beit­neh­mer wird hier­bei nicht ab­ge­stellt, son­dern nur auf die ge­setz­li­che Höhe. Die Ver­knüp­fung mit der Auf­lö­sung von Zeit­gut­ha­ben und der Zu­sam­men­hang mit der Re­ge­lung über den Lohn­aus­fall für ge­setz­li­che Fei­er­ta­ge legen eben­falls eine ab­schlie­ßen­de Re­ge­lung ohne Bezug auf die per­sön­li­chen Be­wil­li­gungs­vor­aus­set­zun­gen beim Kurz­ar­bei­ter­geld nahe. Die Vor­aus­set­zun­gen des § 175 Abs. 1 Nr. 1, 2 und Abs. 6 iVm. § 170 SGB III wer­den durch die Re­ge­lun­gen des § 4 Nr. 6.1 bis Nr. 6.4 BRTV Bau er­setzt. Eben­so wer­den die be­trieb­li­chen Vor­aus­set­zun­gen ge­gen­über § 175 Abs. 1 Nr. 3 iVm. § 171 SGB III selb­stän­dig ge­re­gelt. Die Ta­rif­norm ver­hält sich nicht zu den per­sön­li­chen An­spruchs­vor­aus­set­zun­gen auf das Sai­son-​Kurz­ar­bei­ter­geld nach § 175 Abs. 1 Nr. 3 iVm. § 172 SGB III. Dass sie still­schwei­gend diese Vor­aus­set­zun­gen über­nimmt, er­schließt sich je­den­falls aus dem Wort­laut und dem Zu­sam­men­hang der Ta­rif­re­ge­lung nicht. Näher liegt da­nach die An­nah­me, dass es auf die per­sön­li­chen Be­wil­li­gungs­vor­aus­set­zun­gen nicht an­kommt.

Ent­schei­dend ist der Zu­sam­men­hang mit der Ge­set­zes­la­ge. Der Ar­beit­neh­mer be­hält auch bei Kurz­ar­beit im Be­trieb den Lohn­an­spruch in Höhe des Kurz­ar­bei­ter­gelds. Das Kurz­ar­bei­ter­geld ist in­so­weit Lohn­er­satz. Der Ar­beit­ge­ber trägt das Ri­si­ko, dass es nicht ge­zahlt wer­den kann. Auch wenn § 615 BGB dis­po­si­tiv ist und so­wohl durch in­di­vi­du­al­recht­li­che wie durch kol­lek­tiv­recht­li­che Ver­ein­ba­run­gen aus­ge­schlos­sen wer­den kann, müs­sen diese Ver­ein­ba­run­gen doch ein­deu­tig und klar sein. Die voll­stän­di­ge Ab­be­din­gung des An­spruchs aus § 615 Satz 3 BGB unter blo­ßem Ver­weis auf die er­satz­wei­se ein­tre­ten­den So­zi­al­leis­tun­gen be­dürf­te einer ein­deu­ti­gen Re­ge­lung, denn nicht alle Ar­beit­neh­mer sind in den Bezug des Kurz­ar­bei­ter­gelds ein­be­zo­gen. Die Ta­rif­norm lässt nicht hin­rei­chend deut­lich er­ken­nen, dass sie das Ri­si­ko des Ar­beits­aus­falls auch dann auf den Ar­beit­neh­mer ver­la­gern will, wenn kein Kurz­ar­bei­ter­geld ge­leis­tet wird, weil es an den per­sön­li­chen Be­wil­li­gungs­vor­aus­set­zun­gen des § 172 Abs. 1 SGB III fehlt. Die in § 172 Abs. 1 bis 3 SGB III ge­re­gel­ten Vor­aus­set­zun­gen be­tref­fen die be­son­de­ren Ver­hält­nis­se des Ver­si­cher­ten im Ver­hält­nis zur Ver­si­cher­ten­ge­mein­schaft. Sie haben kei­nen aus­rei­chen­den Bezug zu § 615 BGB. Des­halb sind die An­spruchs­vor­aus­set­zun­gen des § 615 Satz 3 BGB in­so­weit nicht mo­di­fi­ziert.

Sinn und Zweck der Re­ge­lung er­schlie­ßen sich da­nach wie folgt: Nach § 4 Nr. 6.1 Satz 1 BRTV Bau wird zwar der Lohn­an­spruch ab­be­dun­gen. Die Sätze 2 und 3 ent­hal­ten aber eine ei­gen­stän­di­ge Er­satz­re­ge­lung, damit der Ar­beit­neh­mer nicht auf einen Scha­dens­er­satz­an­spruch wegen un­ter­blie­be­ner An­zei­ge oder be­triebs­be­ding­ter Kün­di­gung sei­tens des Ar­beit­ge­bers an­ge­wie­sen ist, wenn er kei­nen An­spruch auf das ge­setz­li­che Sai­son-​Kurz­ar­bei­ter­geld hat. Die Ent­kop­pe­lung führt dazu, dass der Ar­beit­ge­ber mit der ent­spre­chen­den Leis­tung un­ab­hän­gig davon ein­tritt, ob die Ar­beits­agen­tur nach den öf­f­ent­lich-​recht­li­chen Vor­schrif­ten das Kurz­ar­bei­ter­geld letzt­lich zah­len muss. Der Ar­beit­ge­ber ist im Re­gel­fall durch die Leis­tung (Er­stat­tung) der Ar­beits­agen­tur ent­las­tet.

 

Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 22.04.2009 – AZ: 5 AZR 310/08

 

Quelle: rechtslupe.de; Mitteilung vom 01.07.2009

 

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