Kein Basistarif bei allen Krankenversicherern

Das Bundesverfassungsgericht hat am 10.06.2009 ent­schie­den, dass die von den pri­va­ten Kran­ken­ver­si­che­run­gen an­ge­grif­fe­nen Vor­schrif­ten des GKV-WSG und des VVG-​Re­formG grund­sätz­lich mit der Ver­fas­sung im Ein­klang ste­hen. Da­ne­ben waren noch Ver­fas­sungs­be­schwer­den von zwei klei­ne­ren Ver­si­che­rungs­ver­ei­nen auf Ge­gen­sei­tig­keit an­hän­gig, die aus­schließ­lich eine be­stimm­te Be­rufs­grup­pe, näm­lich Pries­ter, ver­si­chern. Diese Ver­fas­sungs­be­schwer­den wur­den vom Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt jetzt mit der Maß­ga­be zu­rück­ge­wie­sen, dass der Kon­tra­hie­rungs­zwang für den Ba­sis­ta­rif durch die Ge­sund­heits­re­form 2007 bei die­sen klei­ne­ren Ver­si­che­rungs­ver­ei­nen auf Ge­gen­sei­tig­keit in die Ver­ei­ni­gungs­frei­heit (Art. 9 Abs. 1 GG) ein­greift und ein sol­cher daher nur ge­gen­über Auf­nah­me­be­wer­bern be­steht, wel­che die sat­zungs­mä­ßi­gen Vor­aus­set­zun­gen des Ver­eins für eine Mit­glied­schaft er­fül­len.

Bei den Be­schwer­de­füh­rern han­delt es um klei­ne­re Ver­si­che­rungs­ver­ei­ne auf Ge­gen­sei­tig­keit, die ihren Mit­glie­dern Kran­ken­kos­ten­voll­ver­si­che­run­gen und be­stimm­te Zu­satz­ver­si­che­run­gen  an­bie­ten. Sie sind ver­pflich­tet, die Ver­si­che­rungs­ver­trä­ge stets im Rah­men eines Mit­glied­schafts­ver­hält­nis­ses ab­zu­schlie­ßen. Ver­si­che­rungs­ge­schäf­te ohne Mit­glied­schaft, die den grö­ße­ren Ver­si­che­rungs­ver­ei­nen auf Ge­gen­sei­tig­keit ge­stat­tet sind, sind ihnen ge­setz­lich un­ter­sagt. Die bei­den Be­schwer­de­füh­rer wand­ten sich mit ihrer Ver­fas­sungs­be­schwer­de gegen die neu­ge­schaf­fe­nen Vor­schrif­ten des Ge­set­zes zur Stär­kung des Wett­be­werbs in der ge­setz­li­chen Kran­ken­ver­si­che­rung (GKV-​Wett­be­werbs­stär­kungs­ge­setz – GKV-​WSG) vom 26.  März 2007 und des Ge­set­zes zur Re­form des Ver­si­che­rungs­ver­trags­rechts (VVG-​Re­formG) vom 23. No­vem­ber 2007. Sie rüg­ten vor allem, dass die Vor­schrif­ten über den Kon­tra­hie­rungs­zwang im Ba­sis­ta­rif für sie ein fak­ti­sches Ver­bot der rei­nen Stan­des­ver­si­che­rung dar­stell­ten. Auch in dem ab­so­lu­ten Kün­di­gungs­ver­bot für alle Kran­ken­kos­ten­voll­ver­si­che­run­gen sahen sie eine Ver­let­zung ihrer Ver­ei­ni­gungs­frei­heit.

Der Ent­schei­dung lie­gen im We­sent­li­chen fol­gen­de Er­wä­gun­gen zu Grun­de: § 193 Abs. 5 Satz 1 VVG und § 12 Abs. 1b Satz 1 VAG sind ver­fas­sungs­kon­form so aus­zu­le­gen, dass ein An­trag­stel­ler nur dann im Ba­sis­ta­rif auf­ge­nom­men wer­den muss, so­weit er zum sat­zungs­mä­ßi­gen Mit­glie­der­kreis des je­wei­li­gen klei­ne­ren Ver­si­che­rungs­ver­eins zählt.

An­ders als bei den gro­ßen Pri­va­ten Kran­ken­ver­si­che­rern, stellt die Pflicht zur Ge­wäh­rung von Ver­si­che­rungs­schutz im Ba­sis­ta­rif für klei­ne­re Ver­si­che­rungs­ver­ei­ne, die im Ge­gen­satz zu den gro­ßen Ver­si­che­rungs­ver­ei­nen auf Ge­gen­sei­tig­keit nur Mit­glie­der-​, aber keine Ver­trags­ge­schäf­te füh­ren dür­fen, einen Ein­griff in deren Recht auf Ver­ei­ni­gungs­frei­heit (Art. 9 Abs. 1 GG) dar. Eine von die­sem Grund­recht
an­ge­lei­te­te ver­fas­sungs­kon­for­me Aus­le­gung er­gibt je­doch, dass der Kon­tra­hie­rungs­zwang im Ba­sis­ta­rif nicht in vol­lem Um­fang für klei­ne­re
Ver­si­che­rungs­ver­ei­ne auf Ge­gen­sei­tig­keit gilt, so dass ein Ver­stoß gegen die Ver­ei­ni­gungs­frei­heit im Er­geb­nis nicht vor­liegt.

Die klei­ne­ren Ver­si­che­rungs­ver­ei­ne haben be­stim­mungs­ge­mäß einen sach­lich, ört­lich oder per­so­nal eng be­grenz­ten Wir­kungs­kreis. Die per­so­na­le Kom­po­nen­te des klei­ne­ren Ver­si­che­rungs­ver­eins wird  ins­be­son­de­re bei den Be­schwer­de­füh­rern deut­lich, die aus­schließ­lich eine be­stimm­te, in Beruf und Glau­ben ver­bun­de­ne Be­rufs­grup­pe ver­si­chern. In die­sem Fall wird häu­fig nicht al­lein der wirt­schaft­li­che As­pekt, son­dern auch der spe­zi­el­le So­li­dar­ge­dan­ke eines be­stimm­ten Kol­lek­tivs für die Ent­schei­dung über die Mit­glied­schaft maß­geb­lich sein.

Die Vor­schrif­ten über den Kon­tra­hie­rungs­zwang grei­fen in die Ver­ei­ni­gungs­frei­heit des­halb ein, weil die klei­ne­ren Ver­si­che­rungs­ver­ei­ne auf Ge­gen­sei­tig­keit nicht mehr frei darin sind, nur  nach Maß­ga­be ihrer Sat­zung über die Auf­nah­me neuer Mit­glie­der zu ent­schei­den, son­dern auch Per­so­nen als Mit­glie­der auf­neh­men müs­sen,  wel­che die Vor­aus­set­zun­gen des § 193 Abs. 5 Satz 1 VVG er­fül­len. Durch den Kon­tra­hie­rungs­zwang im Ba­sis­ta­rif wür­den den Be­schwer­de­füh­rern trotz ihrer per­so­nal aus­ge­stal­te­ten Struk­tur Per­so­nen als Mit­glie­der auf­ge­zwun­gen, die mit dem bis­her ver­si­cher­ten Per­so­nen­kreis in kei­ner Be­zie­hung mehr ste­hen. Das ge­setz­ge­be­ri­sche Ziel des GKV-​Wett­be­werbs­stär­kungs­ge­set­zes, einen aus­rei­chen­den Ver­si­che­rungs­schutz für alle der pri­va­ten Kran­ken­ver­si­che­rung zu­ge­wie­se­nen Per­so­nen si­cher­zu­stel­len, wird aber be­reits durch die gro­ßen Ver­si­che­rungs­ver­ei­ne auf Ge­gen­sei­tig­keit und Ak­ti­en­ge­sell­schaf­ten ge­währ­leis­tet, die den Markt fast voll­stän­dig ab­de­cken. Eine an­de­re  Be­trach­tungs­wei­se ist auch nicht des­halb ge­bo­ten, weil die Be­schwer­de­füh­rer einen un­ge­recht­fer­tig­ten Wett­be­werbs­vor­teil er­lan­gen wür­den. Denn sie neh­men am Ri­si­ko­aus­gleich im Ba­sis­ta­rif nach § 12 g VAG in glei­cher Weise wie die gro­ßen Un­ter­neh­men teil. Da ein klei­ner Ver­si­che­rungs­ver­ein nur unter engen Vor­aus­set­zun­gen zu­ge­las­sen wer­den kann, wird auch kein An­reiz zur Grün­dung klei­ner Ver­si­che­rungs­ver­ei­ne ge­schaf­fen, um dem Kon­tra­hie­rungs­zwang im Ba­sis­ta­rif zu ent­ge­hen.

So­weit das für alle sub­sti­tu­ti­ven Kran­ken­voll­ver­si­che­run­gen gel­ten­de ab­so­lu­te Kün­di­gungs­ver­bot des § 206 Abs. 1 Satz 1 VVG an­ge­grif­fen wird, be­rührt die Vor­schrift zwar den Schutz­be­reich der Ver­ei­ni­gungs­frei­heit (Art. 9 Abs. 1 GG), die­ser Ein­griff ist aber aus Grün­den des ge­mei­nen Wohls ge­recht­fer­tigt. Das Kün­di­gungs­ver­bot er­füllt den le­gi­ti­men Zweck, den Ver­lust des Ver­si­che­rungs­schut­zes zu ver­hin­dern und damit die  Voll­funk­tio­na­li­tät der pri­va­ten Kran­ken­ver­si­che­run­gen für den ihnen zu­ge­wie­se­nen Per­so­nen­kreis si­cher­zu­stel­len und den mit der Kün­di­gung des  Ver­si­che­rungs­ver­trags ver­bun­de­nen Ver­lust der Al­ters­rück­stel­lung zu ver­hin­dern. Ob in Aus­nah­me­fäl­len aus ver­fas­sungs­recht­li­chen Grün­den eine Durch­bre­chung des ab­so­lu­ten Kün­di­gungs­ver­bots ge­bo­ten sein kann, konn­te das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hier da­hin­ste­hen las­sen.

Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Be­schluss vom 10. Juni 2009 – 1 BvR 825/08 und 1 BvR 831/08

Quelle: rechtslupe.de; Mitteilung vom 14.Juli 2009

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