Zu­stim­mungs­er­for­der­nis des Be­triebs­rats zur Kün­di­gung

Für eine ein­zel­ver­trag­li­che Er­wei­te­rung des dem Be­triebs­rat nach dem Be­triebs­ver­fas­sungs­ge­setz vor Aus­spruch von Kün­di­gun­gen zu­ste­hen­den Be­tei­li­gungs­rechts fehlt es nach einem ak­tu­el­len Ur­teil des Bun­des­ar­beits­ge­richts an der er­for­der­li­chen ge­setz­li­chen Er­mäch­ti­gungs­grund­la­ge.

Die Vor­schrif­ten des Be­triebs­ver­fas­sungs­ge­set­zes, die dem Be­triebs­rat Mit­wir­kungs­rech­te ein­räu­men, sind Or­ga­ni­sa­ti­ons­nor­men, die in einem aus­dif­fe­ren­zier­ten Sys­tem die Mit­be­stim­mungs­rech­te des Be­triebs­rats grund­sätz­lich ab­schlie­ßend re­geln. Ein­grif­fe in die­ses Sys­tem be­dür­fen daher einer ge­setz­li­chen Grund­la­ge. Daran fehlt es für ein­zel­ver­trag­li­che Er­wei­te­run­gen des dem Be­triebs­rat vor Aus­spruch von Kün­di­gun­gen zu­ste­hen­den Be­tei­li­gungs­rechts.

§ 102 Abs. 6 Be­trVG er­öff­net le­dig­lich den Be­triebs­part­nern die Mög­lich­keit, durch Be­triebs­ver­ein­ba­rung fest­zu­le­gen, dass Kün­di­gun­gen der Zu­stim­mung des Be­triebs­rats be­dür­fen und dass bei Mei­nungs­ver­schie­den­hei­ten über die Be­rech­ti­gung der Nich­ter­tei­lung der Zu­stim­mung die Ei­ni­gungs­stel­le ent­schei­det. So­weit nach ge­fes­tig­ter Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts das Er­for­der­nis der Zu­stim­mung des Be­triebs­rats zur Kün­di­gung auch in einem Ta­rif­ver­trag ver­ein­bart wer­den kann, fin­det sich die Rechts­grund­la­ge für einen sol­chen Ein­griff der Ta­rif­ver­trags­par­tei­en in die Be­triebs­ver­fas­sung in § 1 Abs. 1, § 3 Abs. 2 TVG.

Es folgt aus dem ein­sei­tig zwin­gen­den Cha­rak­ter der Mit­be­stim­mungs­re­ge­lun­gen des Be­triebs­ver­fas­sungs­ge­set­zes nicht, dass eine Er­wei­te­rung der Mit­be­stim­mungs­rech­te des Be­triebs­rats durch Ar­beits­ver­trag mög­lich sein müsse. Die Ar­beits­ver­trags­par­tei­en sind recht­lich nicht be­fugt, das Ver­hält­nis der Be­triebs­part­ner un­ter­ein­an­der zu re­geln, un­ab­hän­gig davon, ob die Mit­be­stim­mungs­rech­te des Be­triebs­rats be­schränkt oder er­wei­tert wer­den sol­len. Eine der­ar­ti­ge Be­fug­nis wi­der­sprä­che dem Sys­tem der Be­triebs­ver­fas­sung, die im All­ge­mei­nen bi­po­lar auf Ar­beit­ge­ber und Be­triebs­rat be­zo­gen ist. Ein­zel­ver­trag­li­che Ver­ein­ba­run­gen über die Er­wei­te­rung der Mit­be­stim­mungs­rech­te des Be­triebs­rats kön­nen zu einer un­ter­schied­li­chen Mit­be­stim­mungs­in­ten­si­tät in Bezug auf ver­schie­de­ne Ar­beit­neh­mer oder Ar­beit­neh­mer­grup­pen füh­ren. Der Be­triebs­rat hat je­doch neben den In­ter­es­sen des ein­zel­nen Ar­beit­neh­mers auch die In­ter­es­sen der ge­sam­ten Be­leg­schaft zu ver­tre­ten. Dies wäre ihm er­schwert, wenn die Mit­be­stim­mungs­rech­te von den Ar­beits­ver­trags­par­tei­en auf ein­zel­ne Ar­beit­neh­mer zu­ge­schnit­ten wer­den könn­ten. § 102 Abs. 6 Be­trVG will le­dig­lich die Pra­xis der Be­triebs­part­ner ge­setz­lich bil­li­gen, dem Be­triebs­rat durch frei­wil­li­ge Be­triebs­ver­ein­ba­run­gen ein vol­les Mit­be­stim­mungs­recht bei Kün­di­gun­gen ein­zu­räu­men. Dass auch ein­zel­ne Ar­beit­neh­mer Ein­fluss auf das recht­li­che Ver­hält­nis der Be­triebs­part­ner zu­ein­an­der neh­men kön­nen sol­len, er­gibt sich dar­aus ge­ra­de nicht.

Etwas an­de­res folgt auch nicht dar­aus, dass die Ar­beits­ver­trags­par­tei­en zu Guns­ten des Ar­beit­neh­mers von den Vor­schrif­ten des Kün­di­gungs­schutz­ge­set­zes ab­wei­chen kön­nen. Der­ar­ti­ge Ver­ein­ba­run­gen wir­ken al­lein im Ver­hält­nis zwi­schen den Ver­trags­par­tei­en auf in­di­vi­du­al-​ver­trag­li­cher Ebene. Ein­zel­ver­trag­li­che Er­wei­te­run­gen der Be­tei­li­gungs­rech­te des Be­triebs­rats sol­len ihre Wir­kung da­ge­gen auf kol­lek­tiv-​recht­li­cher Ebene ent­fal­ten. Sie sol­len den in­di­vi­du­el­len Kün­di­gungs­schutz auf der kol­lek­ti­ven Ebene ver­fah­rens­mä­ßig ab­si­chern, indem sie die Be­tei­li­gungs­rech­te des Be­triebs­rats über § 102 Be­trVG hin­aus durch eine zu­sätz­li­che ver­fah­rens­mä­ßi­ge Hürde ver­stär­ken. Sol­che ein­zel­ver­trag­li­chen Ver­ein­ba­run­gen wi­der­spre­chen dem Sys­tem des Be­triebs­ver­fas­sungs­rechts.

Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 23. April 2009 –

Quelle: rechtslupe.de; Mitteilung vom 19. Juni 2009

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