Der Kün­di­gungs­schutz und die aus­län­di­sche Be­triebs­stät­te

Die Vor­schrif­ten des Kün­di­gungs­schutz­ge­set­zes gel­ten nach der Klein­be­triebs­klau­sel des § 23 Abs. 1 KSchG re­gel­mä­ßig nur für Be­trie­be, in denen mehr als zehn (bzw. bei An­stel­lung vor 2004 fünf) Ar­beit­neh­mer be­schäf­tigt sind. § 23 Abs. 1 KSchG er­fasst dabei nach einer ak­tu­el­len Ent­schei­dung des Bun­des­ar­beits­ge­richts nur Be­trie­be, die in der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land lie­gen. Die im Aus­land, im vom BAG ent­schie­de­nen Fall in Dä­ne­mark, be­schäf­tig­ten Ar­beit­neh­mer sind den in Deutsch­land be­schäf­tig­ten Ar­beit­neh­mern auch dann nicht hin­zu­zu­rech­nen, wenn die in Deutsch­land ge­le­ge­nen Be­schäf­ti­gungs­stät­ten mit der im Aus­land ge­le­ge­nen Be­schäf­ti­gungs­stät­te einen Ge­mein­schafts­be­trieb bil­den soll­ten.

Das Bun­des­ar­beits­ge­richt hat mit Ur­teil vom 17. Ja­nu­ar 2008 an sei­ner stän­di­gen Recht­spre­chung fest­ge­hal­ten, nach der der Erste Ab­schnitt des Kün­di­gungs­schutz­ge­set­zes nur auf in Deutsch­land ge­le­ge­ne Be­trie­be an­zu­wen­den ist. Er hat dies – in­so­weit ab­wei­chend von frü­he­ren Ent­schei­dun­gen – nicht mehr mit der Gel­tung des Ter­ri­to­ria­li­täts­prin­zips son­dern damit be­grün­det, dass der in § 23 Abs. 1 KSchG ver­wen­de­te Be­griff des „Be­triebs“ nur in Deutsch­land ge­le­ge­ne Be­trie­be be­zeich­ne. An die­ser Recht­spre­chung hält das BAG fest. Mit den in der Li­te­ra­tur ver­tre­te­nen Be­den­ken gegen die Recht­spre­chung hat sich das Bun­des­ar­beits­ge­richt im Ur­teil vom 17. Ja­nu­ar 2008 ein­ge­hend be­fasst und sie in seine Er­wä­gun­gen ein­be­zo­gen.

Auch im Schrift­tum ist an­er­kannt wor­den, dass die nun­mehr vom Bun­des­ar­beits­ge­richt ge­ge­be­ne Be­grün­dung im Hin­blick auf die Ent­wick­lung des deut­schen Kün­di­gungs­schutz­rechts nach­voll­zieh­bar ist und das vom Senat ge­fun­de­ne Er­geb­nis die Rechts­an­wen­dung er­leich­tert. So­weit die Ent­schei­dung auf Kri­tik ge­sto­ßen ist, sind im We­sent­li­chen keine Ge­sichts­punk­te vor­ge­bracht wor­den, die nicht schon im Ur­teil vom 17. Ja­nu­ar 2008 be­han­delt wor­den wären.

Im Üb­ri­gen über­sieht die Kri­tik, dass die Aus­le­gung des Be­triebs­be­griffs in § 23 Abs. 1 KSchG nicht ab­strakt zu er­fol­gen hat, son­dern im Hin­blick dar­auf, dass sie dar­über ent­schei­det, für wel­che Ar­beit­neh­mer und Ar­beit­ge­ber der Erste Ab­schnitt des Kün­di­gungs­schutz­ge­set­zes gilt und folg­lich die Frage ge­stellt wer­den kann, ob eine Kün­di­gung so­zi­al­wid­rig ist.

Die Be­ant­wor­tung der Frage nach der So­zi­al­wid­rig­keit er­for­dert na­he­zu immer eine Ein­be­zie­hung der be­trieb­li­chen Ge­ge­ben­hei­ten. Aus Sicht des Ar­beit­ge­bers ist der ein­zel­ne Ar­beit­neh­mer kein iso­lier­ter Ver­trags­part­ner wie mög­li­cher­wei­se ein Lie­fe­rant oder Ver­mie­ter, son­dern immer auch in sei­nem Zu­sam­men­wir­ken mit an­de­ren Mit­ar­bei­tern zu sehen. Der Rah­men die­ses Zu­sam­men­wir­kens ist der Be­trieb, ge­le­gent­lich auch das Un­ter­neh­men. Be­son­ders deut­lich wird das, wenn bei be­triebs­be­ding­ten Kün­di­gun­gen die Frage der Wei­ter­be­schäf­ti­gungs­mög­lich­kei­ten in an­de­ren Be­trie­ben des­sel­ben Un­ter­neh­mens oder die Frage der Aus­wahl nach so­zia­len Ge­sichts­punk­ten in Rede steht. Aber auch bei per­so­nen-​ und ver­hal­tens­be­ding­ten Kün­di­gun­gen kann etwa die Mög­lich­keit an­der­wei­ti­ger Be­schäf­ti­gung zu be­rück­sich­ti­gen sein. Auch bei der Auf­lö­sung des Ar­beits­ver­hält­nis­ses (§§ 9, 10 KSchG), beim Son­der­kün­di­gungs­schutz nach § 15 KSchG, beim Mas­sen­ent­las­sungs­schutz (§§ 17 ff. KSchG) sind be­trieb­li­che Ge­ge­ben­hei­ten und damit die Rechts­ver­hält­nis­se an­de­rer im Be­trieb be­schäf­tig­ter Ar­beit­neh­mer maß­geb­lich.

 tets ist also bei Prü­fung der So­zi­al­wid­rig­keit vor­aus­ge­setzt, dass ge­gen­über allen etwa an­ge­spro­che­nen Ar­beit­neh­mern und ge­gen­über dem Ar­beit­ge­ber das­sel­be, näm­lich deut­sches Ar­beits­recht und ins­be­son­de­re das Recht des Kün­di­gungs­schutz­ge­set­zes an­ge­wen­det und auch durch­ge­setzt wer­den kann. Diese Vor­aus­set­zung si­cher­zu­stel­len, ist ein ele­men­ta­res An­lie­gen bei der Aus­le­gung des Be­griffs „Be­trieb“ iSd. § 23 Abs. 1 KSchG, weil an­de­ren­falls die Ko­hä­ren­zen und Kor­re­spon­den­zen des Kün­di­gungs­schutz­rechts zer­ris­sen wür­den.

Eine Zu­sam­men­rech­nung der in Dä­ne­mark be­schäf­tig­ten Ar­beit­neh­mer, deren Ar­beits­ver­hält­nis­se man­gels an­der­wei­ti­ger An­halts­punk­te dä­ni­schem Recht un­ter­fal­len, mit den in Deutsch­land be­schäf­tig­ten Ar­beit­neh­mern, deren Ar­beits­ver­hält­nis­se deut­schem Recht un­ter­fal­len, ist je­den­falls nicht mög­lich. Die Ar­beits­ver­hält­nis­se die­ser bei­den Per­so­nen­grup­pen un­ter­ste­hen un­ter­schied­li­chen Rechts­ord­nun­gen und kön­nen nicht zum Zwe­cke der Er­öff­nung des An­wen­dungs­be­reichs ein­zel­ner Ge­set­ze des je­weils an­de­ren Rechts zu­sam­men­ge­rech­net wer­den. Die deut­schem Recht un­ter­ste­hen­den Ar­beits­ver­hält­nis­se rich­ten sich ins­ge­samt und damit auch hin­sicht­lich ihrer Be­en­di­gung nach deut­schem Recht, wäh­rend die an­de­ren Ar­beits­ver­hält­nis­se dä­ni­schem Recht und damit einer an­de­ren Rechts­ord­nung un­ter­ste­hen.

Etwas an­de­res gilt auch dann nicht, wenn die deut­sche Be­schäf­ti­gungs­stät­te der Be­klag­ten mit der Zen­tra­le des Mut­ter­un­ter­neh­mens in Dä­ne­mark einen Ge­mein­schafts­be­trieb bil­den soll­te. Die Folge der kün­di­gungs­recht­li­chen Zu­sam­men­rech­nung der von zwei Un­ter­neh­men ge­mein­sam un­ter­hal­te­nen Be­schäf­ti­gungs­stät­te zu einem ge­mein­schaft­li­chen Be­trieb ist die An­wen­dung des Kün­di­gungs­schutz­rechts im ge­sam­ten Be­trieb. Die meh­re­ren Be­schäf­ti­gungs­stät­ten wer­den kün­di­gungs­recht­lich als ein Be­trieb iSd. § 23 Abs. 1 KSchG an­ge­se­hen. Ist aber, wie vom Bun­des­ar­beits­ge­richt mit Ur­teil vom 17. Ja­nu­ar 2008 an­ge­nom­men, eine Zu­sam­men­rech­nung selbst dann aus­ge­schlos­sen, wenn es nur eine Be­triebs­stät­te eines Un­ter­neh­mens gibt, kann sich daran nichts än­dern, wenn ein Ge­mein­schafts­be­trieb zwei­er Un­ter­neh­men be­steht. Je­den­falls sol­che im Aus­land be­schäf­tig­te Ar­beit­neh­mer, deren Ar­beits­ver­hält­nis nicht dem deut­schen Recht un­ter­lie­gen, zäh­len auch dann bei der Be­rech­nung des Schwel­len­werts nicht mit, wenn die aus­län­di­sche Ar­beits­stät­te mit einer deut­schen einen Ge­mein­schafts­be­trieb bil­det. Der Ge­mein­schafts­be­trieb zwei­er Un­ter­neh­men kann nicht an­ders be­han­delt wer­den als ein gleich or­ga­ni­sier­ter Be­trieb eines Un­ter­neh­mens.

Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 26.3.2009 – AZ: 2 AZR 882/07

Quelle: rechtslupe.de; Mitteilung vom 19.06.2009

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